27. April 2010
Bilden mit Bildern – die Ernährungspyramide
 Bild: Bundesministerium für Gesundheit, Ausschnitt
Wie wird gesunde Ernährung am besten vermittelt? Mit dieser Frage ist das österreichische Bundesministerium für Gesundheit laufend konfrontiert, genauer gesagt die Abteilung BMG II/A/2 für “Prävention und Gesundheitsförderung”. Kurz vor Frühlingsbeginn lancierte das Ministerium eine neu gestaltete Ernährungspyramide, die großteils mit Bildern die Bevölkerung hinsichtlich einer ausgewogenen Ernährung bilden soll. Diese Kampagne folgt anderen Versuchen, wie Slogans “Machen Sie es auch 5x am Tag?”, um dem Thema noch mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zukommen zu lassen. Für den Bundesminister Alois Stöger nimmt Hon.-Prof. Dr. Robert Schlögel, Sektionsleiter für Verbrauchergesundheit und Gesundheitsprävention, in einem Interview mit VISUELLEPOLITIK dazu Stellung.
VISUELLEPOLITIK: Anfang März 2010 hat Gesundheitsminister Alois Stöger eine neue österreichische Ernährungspyramide vorgestellt. Warum hat sich das Ministerium für die Publikation dieser visuellen Information entschlossen? Außerdem verweisen Sie In Ihrem Folder auf die Vorteile einer “einfachen bildlichen Darstellung”, die auch ”genügend Freiraum zur individuellen Gestaltung des Speiseplans” lässt – dennoch werden in der Pyramide die Lebensmittelkateogrien hierarchisch dargestellt. Was kann diese bildliche Vermittlung besser als eine textliche?
Schlögel: Das Bundesministerium für Gesundheit hat sich für eine visuelle Darstellung der Ernährungspyramide entschieden, weil damit in einfacher und praktikabler Weise ein Zugang zu Portionsgrößen und Mengenverhältnissen hinsichtlich der einzelnen Lebensmittelgruppen geschaffen werden kann. Durch die Pyramidenform ist leicht erkennbar, welche Bausteine die Basis einer gesunden Ernährung sind und somit täglich konsumiert werden sollten und welche Lebensmittel im Rahmen einer ausgewogenen gesunden Ernährung nach aktuellem Wissensstand nur gelegentlich beziehungsweise selten verzehrt werden sollten. Dadurch ist die Pyramide eine optimale Hilfestellung bei der Lebensmittelauswahl ohne Einschränkung von persönlichen Vorlieben – ganz nach dem Motto “die gesündere Wahl sollte die einfachere sein”. Ein weiterer Vorteil der visuellen Darstellung ist die leichtere Merkbarkeit.
VISUELLEPOLITIK: Wie ist die Ernährungspyramide entstanden bzw. wer hatte die Idee dazu und wer setzte diese grafisch um?
Schlögel: Die Entstehungsgeschichte der Ernährungspyramide basiert darauf, dass bis zum jetzigen Zeitpunkt verschiedene Ernährungspyramiden in Österreich publiziert und bekannt waren, wodurch es zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen kam. Deshalb beauftragte Herr Bundesminister Stöger im Spätsommer 2009 den Obersten Sanitätsrat mit der Erarbeitung einer einheitlichen Ernährungspyramide. Es wurden alle maßgeblichen namhaften Organisationen im Bereich Gesundheitsförderung und Ernährung mit eingebunden. Die Datenbasis (Verteilung, Gruppierung der Lebensmittelkategorien und die begleitenden Texte) wurden vom OSR im November einstimmig angenommen. Mit der grafischen Umsetzung wurde eine Firma beauftragt, die die Wünsche und Anregungen der an der Pyramidenausarbeitung beteiligten Personen berücksichtigt hat.
VISUELLEPOLITIK: Die Ernährungspyramide wird auf der Website, in Foldern, auf Plakaten und in darüber berichtenden Medien verteilt. Welche Kanäle versuchen Sie noch zu nutzen, um möglichst viele ÖsterreicherInnen darüber zu informieren? Wird die Information auch an Schulen oder Kindergärten verteilt?
Schlögel: Durch die Veröffentlichung auf der Webseite des BMG sowie in anderen Medien wird eine größtmögliche Verbreitung sichergestellt. Das Material steht selbstverständlich auch Schulen und Kindergärten zur Verfügung.
 Bild: Fonds Gesundes Österreich, Ausschnitt
VISUELLEPOLITIK: Schon 1992 veröffentlichte das US-Landwirtschaftsministerium eine visuelle Lebensmittelpyramide, um präventiv Menschen zur gesunden Ernährung zu erziehen und die Gesundheitskosten im Land zu reduzieren. Mittlerweile ist eine überarbeitete Version auch auf http://www.mypyramid.gov/ abrufbar. Vor fünf Jahren publizierte der Fonds Gesundes Österreich in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium ebenso eine Ernährungspyramide. Gab es noch weitere Aktionen des österreichischen Gesundheitsministeriums, BürgerInnen über die richtige Ernährung mit Hilfe einer Ernährungspyramide zu informieren?
Schlögel: Eine weitere Aktion des Bundesministerium für Gesundheit war die im Herbst 2009 lancierte Print-Ernährungskampagne, die einfach, frech und provokant aufzeigt, wie jede Bürgerin und jede Bürger durch vergleichsweise einfache Verhaltensänderungen ihre bzw. seine Ernährung nachhaltig verbessern kann. Für die Kampagne wurden jene Themen verwendet, die nach dem österreichischen Ernährungsbericht die größten Probleme in der Ernährung der Österreicherinnen und Österreicher darstellten. So wurde in zwei Sujets auf die Notwendigkeit eines regelmäßigen Milch- und Milchproduktkonsums (“Schaffen Sie es auch schon 3x am Tag?”) und auf die tägliche Aufnahme von 5 Portionen Obst und Gemüse am Tag (“Machen Sie es auch 5x am Tag?”) hingewiesen. Des Weiteren wurde durch die Printkampagne die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf die gesundheitliche Bedeutung eines geringeren Alkoholkonsums (“Wir tun es zumindest 2x wöchentlich!”) und auf die Notwendigkeit der richtigen Portionsauswahl, vereinfacht dargestellt anhand der Drittel-Lösung (1 Portion Gemüse, 1 Portion stärkehaltige Beilage und 1 Portion Fleisch oder Fisch), gelenkt. Die jeweiligen Sujets enthielten auch weiterführende Informationen und Tipps für die KonsumentInnen. Die vier Ernährungssujets werden von etlichen Rezeptheften für diverse Zielgruppen, die auf der Internetseite des BMG kostenlos zum Download zur Verfügung stehen, abgerundet.
 Bild: Food Standards Agency, Großbritannien
VISUELLEPOLITIK: Welchen Standpunkt nimmt das österreichische Gesundheitsministerium bezüglich der Kennzeichnung von Lebensmitteln mit einem Ampelsystem (von rot bis grün) ein, welches in einigen Ländern wie Großbritannien bereits erprobt wird?
Schlögel: Das britische Ampelsystem ist eine auf den ersten Blick sehr bestechende Kennzeichnung über den Nährwert von Lebensmitteln. Dadurch, dass sie jedoch nur einige Nährstoffe und nicht die gesamte essentielle Nährstoffpalette berücksichtigt und andererseits kein Bezug zu (empfohlenen) Verzehrshäufigkeiten hergestellt wird, besteht die Gefahr, dass bei der Ampelkennzeichnung Lebensmittel benachteiligt werden, die durchaus Bestandteil einer vernünftigen Ernährungsweise sein können (z.B. Milchprodukte oder Fruchtsäfte), das System ist damit nur bedingt für bestimmte Lebensmittelkategorien geeignet, nicht jedoch für den gesamte Lebensmittel- und Getränkekorb. Das BMG denkt daher vorderhand nicht an eine verpflichtende Einführung dieses Systems in Österreich. Österreich vertritt im Rahmen der derzeitigen Verhandlungen zur EU-Verbraucherinformationsverordnung im Zusammenhang mit der Nährwertkennzeichnung den Standpunkt, dass EU-weit einheitlich eine aussagekräftige Nährwerttabelle (ohne Farb- bzw.Symbolunterlegung) verpflichtend vorgegeben werden und daneben Raum für nationale freiwillige empfohlene Symbol-Schemen existieren soll.
Das Interview mit Hon.-Prof. Dr. Robert Schlögel wurde per E-Mail am 27.4.2010 geführt. Die Ernährungspyramide selbst kann über den Bestellservice des Gesundheitsministeriums als PDF heruntergeladen oder in Plakat- bzw. Folder-Form angefordert werden.
Andere Artikel
Bildtyp: Zeichnung
Medium: Broschüre, Nahrungsmittel, Plakat, Webseite
Motiv: Ampel, Lebensmittel, Pyramide
Partei:
Person:
Staat: Großbritannien, Österreich, USA
Zeit: 2000er Jahre, 2010er Jahre
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