visuellepolitik

19. April 2010
Comics als politisches Instrument

Bild: Thaten und Meinungen des Abgeordneten Piepmeyer, Buchverlag Der Morgen, Berlin

Das Problem, Politik anschaulich zu vermitteln, ist eine große Herausforderung für (wahlwerbende) Parteien. Manchmal wird dabei gerne auf Bilder zurückgegriffen, die in Form eines Comics politische Geschichten erzählen. Doch dies ist nicht neu, wie Beispiele aus dem 19. Jahrhundert zeigen. Über die Funktionen, die Comics für die Politik einnehmen können, spricht Prof. Dr. Dietrich Grünewald, erster Vorsitzender der Gesellschaft für Comicforschung, die sich die Vernetzung der Comicforschung im deutschsprachigen Raum zum Ziel gesetzt hat, in einem Interview mit VISUELLEPOLITIK.

VISUELLEPOLITIK: Comics scheinen sich gut dafür zu eignen, um politische Inhalte verpackt oder offen zu vermitteln. Wie schätzen Sie das ein?

Grünewald: Wie jede Kommunikationsform ist natürlich auch der Comic geeignet, politische Informationen zu vermitteln. Mir scheint er unter anderem deswegen auch besonders geeignet zu sein, weil er sehr anschaulich ist, Dinge zeigt und zugleich die aktive Rezeption des Betrachters fordert, das Gezeigte interpretativ zu verstehen – gerade in der nötigen aktiven Rezeption (Füllen von Leerstellen, Herstellen von Verbindungen und damit das “Verlebendigen” des gezeigten Prozesses, …) liegt die Chance, in Distanz zum Gezeigten einen kritisch-reflektiven “Filter” einzuschalten. Freilich muss gelernt werden, zwischen Klischee/Fiktion und Realität zu unterscheiden. Man muss sich bewusst machen, dass Comics “Artefakte” bzw. “gemacht” sind – kein direkter Spiegel von Wirklichkeit, sondern immer subjektive Interpretation.

VISUELLEPOLITIK: Können Sie ein paar Beispiele historischer Comics nennen, die Sie als “Instrument” der Politik bezeichnen würden?

Grünewald: Zum Beispiel “Thaten und Meinungen des Abgeordneten Piepmeyer” von Adolf Schrödter (Zeichner) und Hermann Detmold (Texter) aus dem Jahr 1848/49, das sich auf die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt/Main bezieht. Interessant ist, dass die Figur und das Konzept 1996 von Burkhard Mohr wieder aktualisiert und aufgegriffen wurden. So wird in “Gestatten Piepmeyer!” (Bonn 1996) ein Bezug zur bundesdeutschen Politik hergestellt. Interessant sind auch “Die roten Strolche” (von Gerhard Langemeyer, u.a.; bundesdeutscher Wahlkampf, z.B. im STERN 2002). Allgemein politisch/kritisch ist zum Beispiel der “Ö-Comic No. 1. Die Geschichte von der Wyhlmaus und anderen Menschen” von Jari Pekka Cuypers und Wolgang Hippe (Frankfurt/Main 1978).

VISUELLEPOLITIK: Mittlerweile versuchen auch rechtsextreme Lager mit Comics Jugendliche zu ködern und ihnen Feindbilder einzureden. Ist dies Ihrer Einschätzung nach ein neues Phänomen?

Grünewald: Hier verweise ich auf den Artikel “(Ohn-)Macht und Hakenkreuz” von Ralf Palandt im gerade erschienenen Buch D. Grünewald (Hg.): “Struktur und Geschichte der Comics” (Bochum, Essen 2010).

VISUELLEPOLITIK: Was können Comics für die Politik tun? Ist es möglich, mit Comics politisch zu bilden?

Grünewald: Schnelle Antwort zu 1. Ja, natürlich – zumal gerade im Comic manches im Text nebulös und verschwommen Ausgedrückte hier der visuellen Klarheit bedarf; wobei natürlich auch symbolisch gearbeitet wird, was wiederum die kritisch-bewusste Rezeption fördert. Dazu auch die Überlegungen, die in der Geschichtsdidaktik angestellt werden (vgl. die Beiträge von Näpel, Mounajed und Scholz im oben genannten Band). Scholz macht auch deutlich, wie Comics z.B. in der DDR zur politischen Indoktrinantion genutzt wurden). Wesentlich ist: es muss Rezpienten geben, die gelernt haben, Comics kritisch zu lesen und zu verstehen.

VISUELLEPOLITIK: Was halten Sie von Wahlprogrammen in Comic-Form?

Grünewald: Comics sind in der Regel narrativ – ein Wahlprogramm weniger. Dennoch könnten Aspekte anschaulicher werden und auf die Lebenswirklichkeit der Wählerinnen und Wähler bezogen werden. Kein Austausch, kein entweder/oder, sondern: ein konkretes Wahlprogramm (Text) und zur Seite Veranschaulichungen durch Bildgeschichten.

Das Interview mit Prof. Dr. Dietrich Grünewald wurde per E-Mail am 16. April 2010 geführt.

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"Das Sichtbare und Inszenierte steht häufig implizit im Verdacht zu überspielen, zu täuschen und zu manipulieren."Simone Derix, Quelle: Derix, Simone (2009): Bebilderte Politik. Staatsbesuche in der Bundesrepublik 1949-1990, Vandenhoeck&Ruprecht: Göttingen, 16.  | mehr...

 

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