So aufregend kann Vizekanzlersein sein. Mit der Wahl zum “Superpraktikant” versuchte die ÖVP, medial unterstützt von Privatfernsehen und -radio, den Kontakt zu den Jugendlichen zu gewinnen und sich dabei selbst ein “modernes” Image zu verpassen.
Bei dem im November 2009 ausgeschriebenen Wettbewerb nahmen rund 400 Personen teil, 100 von ihnen wurden im Dezember 2009 von Besuchern der Wettbewerbshomepage “gevotet”. Die fünf Top-Kandidaten mussten sich schließlich einer Jury beim “Finale” im Jänner 2010 stellen, bei der es Aufgaben wie “Der Vizekanzler schüttete sich Kaffee über sein Sakko” zu lösen gab. Politik als pure Show – statt Supermodels nun Superpraktikanten.
Transzendenter Aufruf
“Stell dir vor, man fragt dich: Bist du Österreichs Superpraktikant? Dann zeig es uns! Auf www.superpraktikant.at und gewinn ein Praktikum bei Josef Pröll.” Aus dem Off ertönt die Stimme eines “göttlichen” Sprechers, die Alltagswelt eines Jugendlichen macht einer farbenfrohen Eingebung aus einer transzendenten Welt Platz – der Welt des Politikers Josef Pröll. Schon das Werbevideo selbst, das Ende 2009 für die Teilnahme zu diesem Wettbewerb warb, sollte die ÖVP in einem neuen Licht erstrahlen lassen.
Die Scheinwerfer waren nach dem Finale ursprünglich auf die 26-jährige Gewinnerin (und Medientechnikerin), Reez Wollner, gerichtet. Sie wurde dem Vizekanzler Josef Pröll (ÖVP) zur Seite gestellt und “durfte” ihn bei seiner täglichen Arbeit begleiten. Sie selbst sollte wie ein “Embedded Journalist” über das Feld der Politik berichten und ihre Beobachtungen großteils visuell mit Fotos und Videos mit der Online-Welt teilen. Ein Kamerateam begleitete die “Superpraktikantin” bei ihren Erlebnissen, die mit dem Terminplan des Josef Pröll verknüpft waren. Fünf Tageszusammenfassungen wurden von Montag bis Freitag auf Youtube präsentiert. Interessierte konnten den Tag dadurch mit der “Superpraktikantin” im Internet mitverfolgen.
Die “Superpraktikantin” sitzt gemeinsam mit anderen PolitikerInnen an einem Verhandlungstisch, im Büro des arbeitenden Ministers, besucht gemeinsam mit ihm den “Jägerball” und die Haiti-Spenden-Gala im Dirndl, ist bei der Angelobung einer neuen Ministerin in der Hofburg selbst dabei, fährt mit Pröll gemeinsam im Lift, besucht die Redaktionen der an dieser Aktion teilnehmenden Medien, stattet dem Nachtslalom in Schladming einen Besuch ab, und freut sich beim Bezirksbäuerinnentag genauso wie bei der Klubsitzung im Parlament.
Werbung für den Vizekanzler
Schlussendlich ist es nicht die Superpraktikantin, die bei dieser “Werbewoche” im Mittelpunkt steht – sie ist nur eine Trägerfigur des eigentlichen Zweckes dieser Aktion. Es geht dabei vor allem um den Politiker Josef Pröll und seiner Partei selbst, die sich über das Medium Internet positionieren möchten. Im Video zeigt sich Pröll als vielbeschäftigter Politiker, in einer Woche durch ganz Österreich tourend, viele Menschen der österreichischen Gesellschaft treffend und alle anstehenden Probleme lösend. Es ist eine positive Welt, die in den Videos vermittelt wird. Offene und freundliche ÖVP-PolitikerInnen, die die “Jugend” zu verstehen scheint.
Es geht um Gewinnung von Authentizität, die durch die Teilnahme einer “auserwählten” jungen Frau aus der Bevölkerung hergestellt werden sollte. Mit verwackelten Handyvideo-Aufnahmen niedriger Bildqualität von beispielsweise der Angelobung der neuen Wissenschaftsministerin in der Wiener Hofburg wurde diese Authentizität auch visuell umgesetzt. Die Superpraktikantin verwandelte sich dabei zur Hofberichterstatterin, ausgestattet mit einem Bonus an “objektiver” Glaubwürdigkeit – zumindest wurde versucht, diese zu erreichen.
Durch die Medienberichterstattung rund um die junge Frau an Prölls Seite breitete sich die ÖVP auch in Boulevard-Sendungen und auf Society-Blättern aus und konnte damit viele ÖsterreicherInnen erreichen, die beim Thema Politik eher weiterzappen würden. Fans von “Reez”, die Rosa als ihre Parteifarbe auserkoren hat, haben sich auf Facebook versammelt. Auf Flickr wurden sämtliche Fotos, auf Youtube einige Videos hochgeladen. Die österreichische Politik hat mit dem “Superpraktikant”-Event einen weiteren Schritt hin zu einer Fokussierung auf das Visuelle unternommen. Andere Parteien werden folgen.